Stell dir vor, du fragst einen Chatbot nach dem Smartphone, und er fragt höflich zurück, ob das eine neue Art Telegraf sei. Genau so ein Gesprächspartner ist „Mr. Chatterbox“: eine KI, die nur Bücher und Zeitschriften aus dem 19. Jahrhundert kennt. Das ist nicht nur lustig, sondern zeigt auch ziemlich gut, wie stark Trainingsdaten eine KI prägen.
Das Wichtigste in Kürze
- Mr. Chatterbox ist ein Sprachmodell, das von Grund auf nur mit britischen Texten von 1800 bis 1899 trainiert wurde.
- Die neue Version vom Oktober 2026 hat rund 2,7 Milliarden Parameter, etwa achtmal so viel wie die erste Version vom März (rund 340 Millionen).
- Laut Entwickler stammen 97,2 Prozent der Antworten im Chat-Training wortwörtlich aus echten Texten des 19. Jahrhunderts.
- Du kannst ihn kostenlos auf Hugging Face ausprobieren. Aber Vorsicht: Er hat auch Ansichten von damals, und Fakten erfindet er gern.
Was wurde gebaut?
Mr. Chatterbox ist ein Chatbot, der wie ein viktorianischer Gentleman spricht: umständlich, höflich, mit Wörtern, die bei uns eher in alten Romanen vorkommen. Der Unterschied zu ChatGPT und Co.: Die bekannten Chatbots spielen so eine Rolle nur, wenn du sie darum bittest. Mr. Chatterbox dagegen hat nie etwas anderes gelesen. Sein gesamtes Grundwissen stammt aus Texten, die zwischen 1800 und 1899 in Großbritannien gedruckt wurden. Mit Dingen nach 1900 kann er schlicht nichts anfangen.
Die erste Version erschien Ende März 2026. Sie hatte rund 340 Millionen Parameter (vereinfacht gesagt: die Stellschrauben, die eine KI beim Lernen einstellt) und wurde mit gut 28.000 Büchern aus einer frei verfügbaren Sammlung der British Library trainiert. Der Entwickler und Blogger Simon Willison fand das Ergebnis charmant, aber schwach: Die Antworten klangen hübsch altmodisch, passten aber oft kaum zur Frage. Mitte Oktober 2026 folgte die neue Version mit rund 2,7 Milliarden Parametern – also etwa achtmal so groß. Dazu gibt es noch drei kleinere Grundmodelle.
Wer steckt dahinter?
Gebaut hat das Ganze Trip Venturella, auf Hugging Face als @tventurella unterwegs. Spannend: Er ist kein klassischer Informatiker. In seinem Projekt-Blog beschreibt er sich als Geisteswissenschaftler mit einem Abschluss im Dramenschreiben und wenig Informatik-Ausbildung. Die neue Version entstand laut eigener Aussage über fast sechs Monate, größtenteils während seiner Elternzeit, in vielen Nachtstunden und frühen Morgenstunden. Unterstützt wurde er laut Modellseite vom Cosmos Institute. Außerdem schreibt er dort, dass die Emory University in den USA das Projekt als Grundlage für einen Kurs nutzt.
Wie funktioniert das?
Für die neue Version hat Venturella deutlich mehr Lesestoff gesammelt: Neben der British Library stammen die Texte unter anderem aus HathiTrust, Project Gutenberg, dem Internet Archive, alten Gerichtsprotokollen des Old Bailey und Parlamentsprotokollen. Insgesamt hat das größte Modell rund 54 Milliarden Textbausteine (Tokens) verarbeitet, bei der ersten Version waren es knapp 3 Milliarden.
Der wichtigste Unterschied steckt aber im zweiten Schritt, dem Chat-Training. Ein frisch trainiertes Sprachmodell schreibt Text nur weiter, es kann noch nicht antworten. Bei der ersten Version hatten moderne KI-Modelle (Claude Haiku und GPT-4o-mini) Beispielgespräche im viktorianischen Stil geschrieben. Das Ergebnis klang dann eher wie ein heutiges Klischee von einem Gentleman. Diesmal hat Venturella echte Textstellen aus seinen alten Büchern herausgesucht und nur die passenden Fragen dazu von einer KI erzeugen lassen oder aus echten Nutzer-Chats übernommen. Laut ihm sind so 97,2 Prozent der Antworten im Chat-Training originale Sätze aus dem 19. Jahrhundert. Beim Programmieren half ihm übrigens Claude Code. Trainiert wurde auf gemieteten Grafikkarten.
Was kann man daraus lernen?
Erstens: Eine KI ist, was sie liest. Mr. Chatterbox zeigt fast wie im Labor, wie stark Trainingsdaten Sprache, Wissen und Weltbild eines Modells bestimmen. Zweitens: Menge zählt. Die erste Version hatte schlicht zu wenig Text für ihre Größe – darauf wies schon Simon Willison hin. Mit viel mehr Daten wurde das Modell spürbar besser: In einem Test mit einer KI als Schiedsrichter kam die neue Version laut Venturella auf 0,751 Punkte, die alte auf 0,655. Drittens: Eigene Sprachmodelle von Grund auf zu trainieren ist heute auch für Einzelpersonen machbar, mit Geduld, Mietrechnern und KI-Hilfe beim Code.
Haken und Grenzen
Mr. Chatterbox ist ein Kuriosum, kein Assistent. Er erfindet Fakten mit großer Überzeugung, und der Test oben hat nur geprüft, ob die Antworten zur Frage und zum Stil passen – nicht, ob sie stimmen. Ernster ist: Weil er mit ungefilterten Texten von damals trainiert wurde, kann er Ansichten über Herkunft, Frauen, Klassen oder Religion wiedergeben, die heute zu Recht als beleidigend gelten. Venturella hat beim Chat-Training bewusst auf reformerische Stimmen der Zeit gesetzt, etwa Gegner der Sklaverei, schreibt aber selbst, dass das nicht lückenlos geprüft ist. Außerdem: Die Modelle dürfen nur nicht-kommerziell genutzt werden, weil einige Textquellen das vorschreiben. Und er antwortet auf Englisch – Deutsch ist nicht sein Fach.
Fazit
Mr. Chatterbox ist eine charmante Zeitreise und zugleich ein lehrreiches Experiment darüber, wie Trainingsdaten eine KI formen. Probier die Demo auf Hugging Face ruhig aus – aber nimm seine Ratschläge zu Medizin und Gesellschaft bitte nicht ernster als einen Zylinderhut im Büro.
Das Karussell zum Durchklicken







Quellen
- Hugging Face – Modellseite Mr.Chatterbox-2.7B-Chat (abgerufen am 19.10.2026)
- GitHub – tripv/mr.chatterbox: The victorian gentleman chatbot (abgerufen am 19.10.2026)
- Trip Venturella (estragon.news) – Building a Better Chatterbox (14.10.2026)
- Reddit r/LocalLLaMA – Mr.Chatterbox-2.7B-Chat: A model trained from scratch on Victorian texts (14.10.2026)
- AI Weekly – Mr. Chatterbox: 340M LLM trained only on Victorian texts (14.10.2026)
- Simon Willison – Mr. Chatterbox is a (weak) Victorian-era ethically trained model you can run on your own computer (30.03.2026)
- Hugging Face – Modellseite der ersten Version (mr_chatterbox_model) (abgerufen am 19.10.2026)
- GIGAZINE – Mr. Chatterbox is a language model trained solely on Victorian-era sources (01.04.2026)
- Hugging Face – Demo Mr. Chatterbox (Space) (abgerufen am 19.10.2026)
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Bilder: Titelbild KI-generiert (Canva), Inhaltsfotos: Unsplash








































